Liebe Kirchweihfestgemeinde!
Ihr habt es bestimmt schon geahnt: Ich bin weder ein großer Gärtner, noch kenne ich mich in der Landwirtschaft aus. Aber dass auch aus kleinstem Samenkorn oft eine große Pflanze wächst, das weiß wohl jeder, der sich Gedanken darüber gemacht hat. Ich denke da z.B. an eine Eichel und wie daraus nach 200 Jahren ein gewaltiger Baum erwachsen sein kann. Das ist ein Bild aus unserer Gegend. Der Senf aus dem Gleichnis Jesu dagegen, der wächst viel schneller, etwa der schwarze Senf, - dessen Samenkorn hat nur etwa 1 mm im Durchmesser, kann aber als ausgewachsene Pflanze sogar bis zu 3 Metern hoch werden, - damals am See Genezareth wohl die größte Pflanze im Gemüsegarten. Aber er soll ja nur als Bild dienen. Ein Bild unter vielen, die Jesus gebraucht, um uns Gottes Reich zu beschreiben, das Leben undWachsen. Um Kirche zu beschreiben - als ein großes Friedensreich, das vielen Schutz gewähren und Heimat geben kann. So könnte man die Zweige aus dem Gleichnis Jesu verstehen, fast wie eine gewaltige Baumkrone, in dem viele Vögel nisten können.
Aus einem unscheinbaren Samenkorn kann etwas riesiges wachsen, von dem viele etwas haben können, ja Lebensgrundlage für viele.
Nun redet Jesus ja nicht nur irgendwie allgemein, sondern er meint in seinen Gleichnissen gerade dich und mich als Christen, die zu ihm gehören, uns Christusgemeinde als Teil von Gottes Reich. Dies Bild soll auch uns leiten, wenn wir uns über unsere Kirche
und Gemeinde Gedanken machen.
Vielleicht so: Wie erleben wir uns? Wie erlebst du Gottes Reich in dieser Stadt - in deiner Gemeinde? An diesem Ort? Wie sieht dein Verhältnis zu deiner Kirche aus? Wie gestalten wir unser Leben als Gemeinde? Was sind unsere Wünsche und Ziele - aber auch Befürchtungen?
1. Wir möchten so gerne, dass unsere Gemeinden wachsen. Kleinsein und unbedeutend sein als Gemeinde - das ist für viele Gemeindeglieder schwer auszuhalten. Warum? Weil sich heutzutage viele Aufgaben ergeben, um als Gemeinde da sein zu können: Das Grundstück muss gepflegt sein, um einladend zu sein, die Kosten für den Betrieb des Gemeindeanwesens müssen aufgebracht werden, der Pastor und sonstige Hauptamtliche müssen bezahlt werden, die Gottesdienste sollen ansprechend und abwechslungsreich sein. Dann wollen wir in der Öffentlichkeit präsent sein, in der Gesamtkirche mitgestalten, mitreden bei theologischen und politischen Entscheidungen. Für das alles braucht es Menschen, die sich einsetzen,  die Verantwortung übernehmen, zupacken und offene Augen haben. Da hilft es sehr, wenn die Aufgaben und Lasten auf viele Schultern verteilt werden können.Natürlich ist es auch schöner, als große Gemeinde im Ort wahrgenommen zu werden, geachtet und gehört zu werden. Besonders, wenn man sich doch von der breiten Masse abhebt. Es ist schön, Gewicht zu haben in der Öffentlichkeit.
Und dann ist da noch der Auftrag Jesu zur Mission, in alle Welt zu gehen und allen Völkern das Evangelium zu bringen. Was für ein Herausforderung, welch eine Aufgabe. Wie viel Kraft und Energie verwenden wir dafür, entwickeln Konzepte, überlegen Strategien um Aussenstehende anzusprechen, für den Glauben und die Kirche zu werben. Sie alle sollen kommen und mit uns Gemeinde sein, Kirche bauen helfen, dabei sein, mitfeiern, mitarbeiten und mittragen.
Und dann entdecken wir mit schlechtem Gewissen all die Gemeindeglieder, die zwar in der Liste stehen, aber wir schon so lange nicht mehr bei uns gesehen haben. Wenn wir wenigstens die wieder erreichen könnten, wenn wir die Zeit und die Kraft aufbringen würden, uns um sie zu kümmern. Wieder eine sehr wichtige Aufgabe, bei allem anderen eine Überforderung. Jetzt gerade die Sanierungen an Kirche und Pfarrhaus der letzten Jahre, das Reformationsjubiläum mit all den Terminen, Feiern und Aufführungen, und bald kommt wieder Weihnachten mit Basar und Krippenspiel, möglichst viele erreichen, auf uns aufmerksam machen. Wir haben ja schließlich auch etwas zu sagen...
2. Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so dass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.
Jesus scheint im Zusammenhang von Reich Gottes, Kirche und Gemeinde gar keinen Streß zu kennen. Sein Bild ist eins der absoluten Ruhe. Kein: Wir wollen (oder müssen) doch wachsen alsGemeinde oder Kirche, sondern: nur eine winzige Menge Samen ausgestreut, dann kann man beobachten, wie daraus eine Pflanze wächst immer größer, so groß, dass sogar in der Mittagshitze dann die Vögel kommen, und sich in deren Schatten ausruhen, ja sich sogar so wohl fühlen, dass sie Nester bauen und ihre Jungen dort aufziehen.
Keine Hektik, kein: “Wir müssen da jetzt dringend was tun, uns besonders einsetzen!” ... usw., nur ruhige Gelassenheit. In den versen vor unserm heutigen Bibelwort heißt es: “Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.”
Frucht lässt sich nicht befehlen oder machen. Gottes Reich kommt und wächst, und das zuverlässig, da wo der Same ausgestreut wird und Platz findet, zuerst nur ganz wenig zum keimen. Alles weitere geschieht aus ihm selber. Die Wirkung, das Wachstum macht Gott selber, ist einfach die Natur des Reiches Gottes.
3. Unsere Nöte und Anstrengungen, ja Überlastungen, und das Reich Gottes, das sich selbst seinen Platz erobert. Wie bekommen wir beides zusammen?
Nun, wir feiern heute Kirchweihfest, das 114.. Vor 115 Jahren hat eine relativ kleine Gruppe von Christen es gewagt, eine verhältnismäßig große Kirche zu erbauen, um hier zusammen zu kommen, um sich von Gott stärken zu lassen und ihn zu feiern. Ein Raum, Gottes Reich in dieser Welt sichtbar werden zu lassen. Und oft genug waren es wohl eher wenige, die zu den Gottesdiensten hier zusammenkamen. Aber dann auch viele. In der Nazizeit fanden standhafte Christen aus der benachbarten Pfingstgemeinde hier Unterschlupf. Sie feierten ihre Gottesdienste hier in diesem Gotteshaus, ließen sich im Vertrauen auf Gottes zu- gewandte Barmherzigkeit stärken und widerstanden so derideologischen Gleichschaltung der Machthaber. Nach dem Krieg fanden auch die Baptisten bei uns Raum für ihre Gottesdienste, als ihr Gotteshaus zerstört worden war. “...und treibt große Zweige, so dass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“
Ich finde hier einiges aus Jesu Gleichnis wieder. 114. Kirchweihfest, wir danken Gott, dass hier - oft genug auch trotz unserer Anstrengungen - Gottes Reich wächst und gedeiht. Wo Gottes Wort Menschen anspricht, wo er in seinen Sakramenten uns begegnet, ja sich selber uns schenkt und mit uns Gemeinschaft gibt, da ist Gottes Reich, da wächst es, da macht uns Gottes Liebe bereit, einander anzunehmen, einander wahrzunehmen und miteinander zu leben - und zu teilen, was er uns geschenkt hat - nicht nur untereinander, sondern mit allen Menschen, mit denen wir zusammenkommen Das mag uns einmal bei aller Betriebsamkeit innehalten lassen. Gott will uns entlasten, wo wir meinen, wir müssten Gottes Reich bauen, würden uns nicht genug anstrengen, sonst wären wir schon lange mehr.
Ängste, sei es nun vor Gottes Zorn, weil wir zu wenig täten oder davor, klein und bedeutungslos zu sein, oder der Druck, als christliche Gemeinde müssten wir dies oder jenes anstellen ... sind keine Hilfe, Gottes Liebe in die Welt zu tragen. Dazu braucht es vor allem, erst einmal uns selber von ihm annehmen zu lassen, uns Kraft und Zuversicht für unseren Dienst in der Welt schenken zu lassen. Dazu sind wir hier beieinander und feiern seine Liebe an uns.
Und dann lasst uns gelassen dahin gehen, wohin Gott uns stellt, und ihn auch mitnehmen, hin zu den Leuten: In die Schule, an den Arbeitsplatz, zu den Nachbarn und Freunden - ja gerade auch zu den Leuten, mit denen wir uns schwer tun, die uns zu tragen geben, und lasst uns ihnen in der Liebe Christi begegnen, mit der er uns angenommen hat.Was dann daraus wird, das haben wir nicht in der Hand, aber das dürfen wir auch getrost Gott selber überlassen, - und nicht der Versuchung erliegen, sichtbare Erfolge verbuchen zu wollen. Dazu gibt er uns keine Verheißung. Vielmehr kann man in der Bibel öfters vom „kleinen Häuflein“ lesen, das Gott die Treue hält. Lassen wir uns nicht irre machen, sondern an Gottes barmherziger Liebe festhalten, die er uns hier, an diesem Ort ganz besonders zukommen lässt, und sie miteinander teilen und austeilen, voller Vertrauen, dass Gott sein Reich baut - hier und überall, wo sein Wort verkündigt wird. Amen.

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Wochenspruch

Seht auch und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
(Lukas 21, 28)